09.02.2020
Politischer Frühschoppen mit MdL Dr. Herz

Arbeit der Landwirte wird nicht wertgeschätzt – sind die besten Naturschützer
„brauchen die Bereitschaft der Verbraucher, mehr für Lebensmittel zu zahlen, nicht nur leere Worte“

Bericht © von Pia Mix, Fotos © Freie Wähler Traunreut

Hörpolding. Dr. Leopold Herz, Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sowie agrarpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der Freien Wähler, sprach bei einem Frühschoppen im Gasthaus Namberger zu aktuellen landwirtschaftlichen Themen. Als selbstständiger Landwirt mit einem Milchviehbetrieb, den er inzwischen an seinen Sohn übergegeben hat, und ehemaliger Kreisobmann in seiner schwäbischen Heimat weiß er genau, wo die Bauern der Schuh drückt und kämpft dafür, dass ihr Ansehen wieder steigt.

Aktuell gibt es vermehrt Bauern-Demonstrationen, was Dr. Herz sehr begrüßt, „damit die in München, Berlin und Brüssel sehen, dass die Landwirte nicht alles hinnehmen“. Gerade im Zuge des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ im letzten Jahr, habe er den Eindruck gewonnen, dass „alle anderen mehr von der Landwirtschaft verstehen als wir Bauern“. Zum Beispiel finde er Bio toll und wäre begeistert, wenn der Anteil der Biobauern tatsächlich auf 30 Prozent gesteigert werden könnte. Aber es müsse auch der Markt dafür da sein und das sei momentan nicht der Fall. Bei Umfragen sagten 80 Prozent der Bürger, sie wollten Bio einkaufen, aber wenn sie dann den Preis sehen, würden sie doch wieder zu den Billigprodukten greifen. Dr. Herz meint deshalb: „Wir brauchen die Bereitschaft der Verbraucher und nicht nur leere Worte.“ Deutschland habe bekanntlich die niedrigsten Lebensmittelpreise in der ganzen EU, nur neun Prozent des Einkommens wende ein Deutscher für Essen und Trinken auf. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Noch wichtiger als Bio-Lebensmittel sind seiner Meinung nach regionale Produkte, das Bewusstsein für Regionalität müsse gestärkt werden.

Auch für den Kreisobmann Sebastian Siglreithmayer ist Bio nicht die Lösung sämtlicher Probleme.
Eine gesunde Mischung aus Bio und konventioneller Landwirtschaft wäre seiner Meinung nach das Beste und manchmal müsse man „die Natur vor den Naturschützern schützen“.

In Bezug auf die niedrigen Lebensmittelpreise kann sich Paul Obermeier nicht vorstellen, dass das Treffen von Kanzlerin Angela Merkel mit den Discountern etwas bewirkt, da diese sich preislich gegenseitig immer noch weiter unterbieten. Er erklärte: „Wir sind gerne Landwirte und denken in Generationen.“ Sein Betrieb, den er vom Vater übernommen hat, führe inzwischen sein Sohn weiter. Aber: „Wir müssen auch Geld verdienen und brauchen angemessene Preise für unsere Produkte.“

Zum Thema Tierwohl führte der Steiner Landwirt aus, dass es immer schwieriger werde, Kälber zu verkaufen. 60 Prozent des bayerischen Jungviehs werde außerdem des Freistaates verkauft. Sie dürfen aber nach neuesten Regeln nur maximal neun Stunden im LKW befördert werden, müssen dann ausgeladen, gefüttert und nach einer Pause wieder eingeladen werden, was für sie zusätzlichen Stress bedeute. Bis nach Norddeutschland komme man damit nicht mehr und der spanische Markt sei für bayerische Bauern quasi komplett eingebrochen. Gleichzeitig sei der Preis für Kälber in manchen Regionen so niedrig, dass die Aufzuchtkosten damit nicht mehr gedeckt werden können, sie sind an der „Sinngrenze“, wie Dr. Herz es ausdrückt. Die Anbindehaltung in den Ställen sprach Paul Obermeier ebenfalls an. Die Hälfte der rund 30000 landwirtschaftlichen Betriebe in Bayern hätten noch Anbindehaltung in den Ställen. Vermehrt zahlten nun bereits einzelne Molkereien weniger für die Milch dieser Bauern. „Das kann nicht sein“, meint der Traunreuter Stadtrat, „dann müssen diese Bauern aufhören, weil sie sich einen Neubau nicht leisten können. Dabei sollten wir gerade die kleinen Betriebe halten, die unsere ländliche Struktur prägen.“ Dr. Herz bestätigte dies und führte aus, dass Kühe in Anbindehaltung nicht weniger Milchleistung hätten, ein Indiz dafür, dass sie sich nicht unwohl fühlten. Hier und auch im Zusammenhang mit festgestellten Verstößen gegen das Tierwohl wie im Allgäu, müsse die Bevölkerung besser aufgeklärt werden: „Überall gibt es mal schwarze Schafe. Aber es kann nicht sein, dass die gesamte Landwirtschaft deshalb unter Generalverdacht gestellt wird.“

Ein weiteres Thema war die umstrittene Verschärfung der Düngeverordnung. Laut Paul Obermeier hat das Grundwasser im Bereich der Stadt Traunreut einen Nitratwert von 9,2. Laut Dr. Herz ein „Traumwert“, da die Obergrenze bei 50 Milligramm pro Liter liegt. Diese Grenze werde in Bayern nur an manchen Stellen erreicht und dennoch solle nun das ganze Land darunter leiden. Eine Erhöhung der bisher vorhandenen 600 Messstellen auf über 1000 solle deutlicher zeigen, wo die Problemzonen liegen und entsprechend gehandelt werden muss.

In der an das Referat anschließenden Diskussion erklärte der Steiner Bauernobmann Meinrad Bernhofer: „Beim Volksbegehren ärgert mich, dass nur die Landwirtschaft in die Verpflichtung genommen wird. Private und Kommunen kommen gar nicht vor, dabei geht es doch uns alle an.“ Für Leopold Herz besteht kein Gegensatz zwischen Landwirtschaft und Naturschutz, wie es manchmal den Anschein haben könnte. Vielmehr seien „Landwirte die besten Naturschützer“.

Kai-Holger Seidel wollte wissen, wie man die Kinder wieder mehr an die Landwirtschaft heranführen kann. Die Freien Wähler fordern ja ein neues Schulfach „Lebensökonomie und Alltagskompetenz“ und sind schon mal froh, dass ab dem nächsten Schuljahr zumindest eine Projektwoche verpflichtend ist. „Das halte ich für besser als nichts“, betonte Dr. Herz.

Die erst kürzlich von der Regierung beschlossene „Bauern-Milliarde“ bringt nach Meinung der anwesenden Landwirte nicht wirklich was. Dr. Herz: „Die Öffentlichkeit sieht das viele Geld und meint, die Bauern sollten doch zufrieden sein. Das löst aber keine Probleme. Die Landwirtschaft wird abgespeist, man könnte fast sagen mit Schweigegeld. Das ist die falsche Art von Agrarpolitik.“ Paul Obermeier sieht das genauso: „Das ist nur eine gute Schlagzeile. Wir wollen aber nicht über Subventionen Geld verdienen, sondern mit unseren Produkten.“                           

Anlässlich des gut besuchten Frühschoppens und zur Information des Gastes stellte Bürgermeister Klaus Ritter eingangs die Stadt Traunreut kurz vor und betonte seine Vision 2030: „Ich will unbedingt, dass Traunreut Oberzentrum wird.“                      - mix